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Durch Germanen und Araber wurde die Kultureinheit der antiken Welt zerbrochen. Die drei Halbinseln Südeuropas blieben kulturell durch das Christentum, politisch zeitweise durch die byzantinische Oberhoheit verbunden. In Italien traten zunehmend die röm. Päpste hervor, die sich jedoch erst im 8. Jh. politisch von Byzanz dem westlichen, germanisch bestimmten Europa zuwandten.


Krone Karls des Großen

In der Völkerwanderung gerieten die Ostgermanen in den Einflußbereich der römisch-antiken Kulturwelt. Im westgotischen Reich finden sich Frühformen der für das Mittelalter charakteristischen Verbindung von Antike, Germanentum und Christentum, doch wurde durch den Arabereinbruch 711 der Großteil der Iberischen Halbinsel für Europa fremd. Eigentliche Wegbereiter des abendländischen Mittelalters wurden die westgermanischen Franken, die im 5./6. Jh. das römische Gallien unterwarfen und auch nach dem germanischen Mitteleuropa ausgriffen, so daß sich ein Miteinander von Romanen und Germanen entfalten konnte. 754 (Versprechen Pippins III. - 756 Pippinsche 'Schenkung') ging das Fränkische Reich jenes enge Bündnis mit der Römischen Kirche ein, das mit der Kaiserkrönung Karls des Großen 800 für das mittelalterliche Reich bestimmend wurde.

Das Reich Karls des Großen umfaßte als große politische Einheit mit Hegemonialstellung das langobardische Italien, Mitteleuropa und dessen Vorfeld sowie Spanien bis zum Ebro. Seine politischen, sozialen und kulturellen Strukturen (Lehnswesen, Grundherrschaft, Kirchen- und Verwaltungssystem, karolingische Schrift wirkten sich ebenfalls in den christlichen Kleinkönigreichen des nördlichen Spaniens, in England und in Dänemark aus. Auch nach den Teilungen des Fränkischen Reiches 843-880 blieben die Nachfolgestaaten noch lange einander zugeordnet, und die einheitliche, von Romanen, Germanen und Westslawen mitbestimmte abendländische Kultur in der Karolingischen Renaissance überdauerte. In der hier begründeten Spannung zwischen Einheitlichkeit und Differenzierung wurzelt die Dynamik der europäischen Geschichte. Durch die Verbindung der römischen Kaiserwürde mit dem deutschen Regnum 962 leitete Otto I. der Große für mehrere Jahre die politische Vormachtstellung des Heiligen Römischen Reichs in Europa ein. Doch gab es neben dem Byzantinischen Reich noch ein drittes, das heidnische Europa. Im späten 9. Jh. brachen die Magyaren über die Karpaten in den Donau-Theiß-Raum ein und durchstreiften Mitteleuropa bis zur Schlacht auf dem Lechfeld 955, ehe sie ein einheitliches (christliches) Staatsgebilde aufbauten. Von Norden her plünderten die Normannen Küsten und Flußlandschaften. Kennzeichnend für die bis zum 11. Jh. an vielen Stellen Europas seßhaft (und christlich) gewordenen Normannen war ihre staatsbildende Kraft, die besonders in England und auf Sizilien Vorbilder für die Staaten des Spätmittelalters schuf.

Die Spannungen zwischen der östlichen und westlichen Kirche führten 1054 zum Morgendländischen Schisma. Byzanz hatte im Zeitalter der Kreuzzüge neue Kontakte mit dem Westen. Doch der 4. Kreuzzug wandte sich gegen das Byzantinische Reich und führte 1204 zu seiner Zerstörung und zur Errichtung des Lateinischen Kaiserreichs von Konstantinopel bzw. der 'fränkischen' Kreuzfahrerstaaten in Griechenland. Im Westen wurde im Verlauf der Kirchenreform das die kaiserliche Herrschaft stützende Reichskirchensystem erschüttert. Der offene Kampf zwischen Kaiser und Papst (Investiturstreit) endete zugunsten des Papstes und mit der Erschütterung des universalen Anspruchs des Kaisertums.

Kennzeichen des 12. Jh. ist neben den politischen Auswirkungen der Kreuzzüge das kulturelle Vorrücken der Romanen. Neue Formen des Fernhandels und des städtischen Lebens waren in Italien und Frankreich am ausgeprägtesten, von wo auch die Klosterreformen des 11./12. Jh. ausgingen. In Frankreich entwickelte das Rittertum sein Selbstbewußtsein, und die philosophisch-theologischen Erschütterungen des geschlossenen Weltbildes nahmen vom Romanischen Reich ihren Ausgang.


Papst Innozenz III. bestätigt dem
Hl. Franz von Assisi die Ordensregeln

Beide führenden und verbindenden Autoritäten überschritten im 13. Jh. ihren Gipfelpunkt. Das Papstum, unter Innozenz III. auch politisch führend, geriet nach 1250 unter französischen Einfluß und schließlich in die völlige Abhängigkeit im Avignonischen Exil (1305/09-1376). Das Kaisertum war seit dem Ende der Staufer (1254/68) durch Wahlkönigtum und Erstarken der Territorialfürsten politisch geschwächt. In Frankreich und England vollzogen sich umfassende Strukturwandlungen: Zerfall des Feudalismus, beginnende Ausformung des neuzeitlichen Staates, Zusammenschluß der politischen Stände. Mit den portugiesischen und spanischen Entdeckungsfahrten des 15. Jh. wurde das Ausgreifen Europas nach Übersee eingeleitet. In Frankreich und Italien entwickelten sich die Universitäten. In Italien erwuchs seit dem 14. Jh. der Frühhumanismus. Zunehmend trat das Bürgertum hervor. Alte und zahlreiche neue Städte wurden Zentren der Kultur, vor allem aber der Wirtschaft, die im 15. Jh. auch Züge des Frühkapitalismus annahm. All diese Merkmale galten nicht für das östliche Europa, das sich nun schwersten Bedrohungen ausgesetzt sah, vor allem durch die Goldene Horde und die Osmanen. Mit der Eoberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 endete die Tausendjährige Geschichte des Byzantinischen Reichs. Die griechischen Flüchtlinge bereicherten den italienischen Humanismus um Kenntnis und Wertschätzung der griechischen Antike.

Meyer's Großes Taschenlexikon, 1990

Zuletzt geändert am 19.10.2007